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»Sie lagen nun also neun Tage lang tot da und es gab niemanden, um sie zu begraben: Der Sohn des Kronos hatte die Völker zu Steinen gemacht.  Doch am zehnten Tag begruben sie die himmlischen Götter.«

Homer, 24. Gesang der Ilias 

Nekropole Berlin - Neukölln 1945

»1945. Damit beginnt es – ein Foto.

Die Aufgabe, diese bedeutungsschwere Zahl auf einer simplen schwarz-weiss Fotografie festzuhalten, scheint zunächst einfach.

Schnell erledigt, kurz zu einer Kriegsgräberstätte, zwischen zwei Vorlesungen.

Doch dann trifft es einen. Die Zahl. Die Zahlen. Die Massen. 1945, 1945 und 1945. Persönlich, unpersönlich – anonym. Unvorbereitet. Ich rechne.

26 Jahre, der Mensch, der hier liegt, wurde so alt wie ich jetzt bin.

Viele, die ich hier finde, wurden nicht einmal so alt.

Die unzähligen Kriegsgräber, an denen ich mit blinden Augen vorbeigegangen bin. Berlin, die Nekropole.

Das Fotografieren macht mich sehr nachdenklich. Schärft mein Bewusstsein.

Ich schaue mir die Strassen an, die Gebäude, die Bäume, das heutige Berlin, das ich kenne. Ich bin dankbar.

1945. Das war das Ende.«

V.J., Masterstudentin, Beuth Hochschule für Technik Berlin

eine Kooperation

von Architektur-Masterklassen der Beuth Hochschule für Technik Berlin

mit

dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Landesverband Berlin

und

tvbmedia productions, Berlin

I) Hintergründe des Projekts

Vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Eine der letzten Großoffensiven des Zweiten Weltkriegs in Europa war die »Schlacht um Berlin« im April bis Anfang Mai 1945, die mit der bedingungslosen Kapitulation Berlins endete. Der Krieg kam nach Deutschland, dahin, von wo er ausgegangen war. Der Kampf um die Hauptstadt kostete unzählige Menschen das Leben, Soldaten und Zivilisten.

In der Berliner Stadtlandschaft finden sich noch heute Spuren des gewaltsamen Todes dieser Menschen.

Auf rund 220 Begräbnisstätten befinden sich Einzelgräber und Massengräber, in denen die Toten des Zweiten Weltkriegs sowie Opfer der NS-Gewaltherrschaft ruhen. Mehr als 136.000 Tote – viele davon Unbekannte – liegen auf Berliner Friedhöfen, Zivilisten, Zwangsarbeiter/innen, KZ-Opfer, Widerstandskämpfer, Opfer der sog. »Euthanasie« und Soldaten unterschiedlicher Nationalitäten.

Neukölln bündelt in kultureller, religiöser und sozialer Vielfalt alle Merkmale der Metropole Berlin – auch als Nekropole.

In Neukölln befinden sich auf 16 Friedhöfen, u.a. am Columbiadamm, in der Hermannstrasse, Buschkrugallee und Lilienthalstrasse, circa 15.000 einzelne Gräber und auf einer Fläche von 1600 m2 Sammelgräber mit Toten des Krieges sowie Opfern der NS-Gewaltherrschaft – eine urbane Schicht inmitten des täglichen Lebens. Diese Schicht ähnelt einer antiken Nekropole – jedoch über dem Boden. Obwohl die meisten Begräbnisstätten für die Öffentlichkeit zugänglich sind, sind nur sehr wenige Teil der allgemeinen Wahrnehmung, z.B. als klassische Parkfriedhöfe oder als prominente touristische Sehenswürdigkeiten.

Die Mehrheit dieser Opfer des Krieges und der Diktatur bleibt daher unsichtbar, unabhängig von Herkunft, Alter, Rolle, Schicksal.

II) Die Masterklassen

In international zusammengesetzten Masterklassen von Architekturstudenten aus insgesamt 14 Nationen entstanden zwischen April 2015 und März 2016 Fotografien, architektonische Entwürfe und ein das Projekt dokumentierender kurzer Film als audiovisuelle Komponente.

III) Der Parcours - eine crossmediale Ausstellung

Nun geht es um das mediale Ausstellungsprojekt, das während der Jahrestage der »Schlacht um Berlin« 2017 als Parcours an fünf Orten gleichzeitig  stattfindet: Auf den Friedhöfen Columbiadamm und Buschkrugallee, im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst, im Kulturstall Schloss Britz und in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung in der Hardenbergstrasse am Zoo.

Die Ausstellung beginnt am 16. April 2017 und endet mit einer Finissage am 2. Mai 2017, dem Jahrestag der  Kapitulation der Stadt Berlin. Die Vernissage mit einer Podiumsdiskussion findet am 25. April 2017 im Kulturstall Schloss Britz statt.

Das Projekt versteht sich als kuratierte Inszenierung von Raum und Zeit dieser »unsichtbaren Orte«. Der wesentliche Baustein dabei ist das crossmediale Triptychon, wie ein mittelalterliches Altarbild, das zu einer emotionalen wie  intellektuellen Auseinandersetzung führt.

Die Kombination von digitalen Medien und real gebauten Entwürfen der Studierenden zeigt dabei eine ambivalente Wechselwirkung zwischen Wirklichkeitstreue, Imagination und Assoziationen – und reagiert so auf heutige mediale Sehgewohnheiten, wie den Krieg im Massenmedium Fernsehen oder in allgegenwärtigen Computerspielen.

Die kraftvollen Fotografien, technisch brillante Porträts mit der Leica M Monochrom über Grössen von 2 x 2 m, und Arbeiten im klassischen wie ebenso digitalen Medium der Zeichnung – einschließlich Collage, Fotomontage, Aquarell, Überblendungen, Split-Screens, Renderings – sind hierfür an der Beuth-Hochschule entstanden.

Neben noch lebenden Augenzeugen sollen die Studierenden in diesem Projekt  auch selbst zu Wort kommen, den Entwurfsprozess erläutern und von ihren Gefühlen und Erkenntnissen im Umgang mit dieser anspruchsvollen Thematik berichten.

So fasste z.B. eine syrischstämmige Studentin die Efeubeete der Grabfelder mit einer Wand aus bedruckten Spiegeln ein – Betrachter, Gräber und Soldaten verschmelzen zu einem unmittelbaren Bild-Gemisch – es weckt traurige Erinnerungen an ihre Heimatstadt Aleppo und verweist wiederum auf ihr Porträt, einem stummen Schrei. Ihre persönliche Geschichte dazu ist berührend.

Zwischen die Wege der streng in Reih und Glied liegenden Kriegsgräber setzt ein mexikanisch-deutsches Studenten-Team eine rostige »Himmelsleiter«, die anders als bei Jakob und den Engeln nicht in den Himmel, sondern zu einem riesigen leeren Rahmen führt, betitelt mit »Einsicht«. Dieser verrostete Rahmen könnte Teil einer Multi-Screen-Projektion werden, die den Hitlerjungen tätschelnden Hitler mit konstruierten ikonologischen Bildern kontrastiert. Bezeichnend sind etwa Mythen aus der griechischen Sagenwelt – vom Fährmann über den Fluss Styx, Allegorien des Todes, Schatten, verdunkelnde wie auch zerbrochene Spiegel – Teile der architektonischen Arbeiten für Portalräume.

Als temporäre Installationen mit einem zeitlichen Bezug zur »Schlacht um Berlin« realisieren wir mehrere Entwürfe auf dem Parcours in Berlin-Neukölln. Hierfür kooperieren wir mit Berliner Betrieben und überregionalen Partnern.

Wir setzen den authentischen Ort der Gräber direkt mit dem heutigen städtischen Kontext in Bezug, also als eine urbane wie zeitgeschichtlich und soziopolitische Intervention zum Thema Krieg und Gewaltherrschaft.